Ewiges Künsterleid – Wann Kritik enden sollte
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Ewiges Künsterleid – Wann Kritik enden sollte

Ich vermute jeder Webdesigner und jeder Künstler kennt es.
Ihr sollt für einen Kunden ein Design entwickeln, welches euch persönlich nicht direkt anspricht. Diese Erfahrung muss ich leider ständig machen. Sei es eine Webseite, welche nicht den heutigen, modernen Standards entspricht, oder ein Layout, das an die 70er erinnert. Nein, selbst in Illustrationen und Szenen kann ein Künstler nicht immer seinen eigenen Geschmack zum Vorschein bringen. Eine Sitatuon welche mich jedes Mal aus der Bahn wirft und meine Motivation, mein Hobby nachzugehen drastisch senkt.

Ich wollte immer Tierärztin werden, aber Blut oder gar schlimme Verletzungen könnte ich wohl möglich nicht sehen oder verkraften. Schließlich habe ich mir vorgestellt mein Hobby zum Beruf zu machen und als Mediengestalter zu arbeiten. Irgendwie muss ich mir jedoch eingestehen, dass mir mein Hobby nur dann wirklich Spaß macht, wenn ich auch nach meinem Geschmack arbeiten kann oder man mir genaue Vorgaben macht. Hinzu kommt noch der Aufwand des Auftrages:

Zeit – Wie viel Zeit werde ich in diesen Auftrag investieren?
Lohn – Was ist der Kunde bereit zu zahlen bzw. kann der Kunde zahlen?
Nerven – Was wird mich der Auftrag an Nerven kosten?

Lasst es mich euch erklären…
Wie oft habe ich nun die Erfahrung gemacht, dass Kunden auf mich zugekommen sind und für ein Portrait oder ein Logo bereit waren maximal 40€ zu zahlen. Ja, 40€ sind sehr viel Geld! Aber immer noch zu wenig für den Aufwand den ein Webdesigner oder Künstler in den Auftrag steckt. In der Regel habe ich immer mehrere Stunden Zeit durch recherchen und inspirieren verbracht. Irgendwo muss ja die Idee herkommen. Gerade wenn es um ein Logo geht, welches ich jetzt nicht unbedingt in meiner Freizeit entwerfe.

Nun habe ich ca. 3 Stunden durch lästiges recherchieren gebraucht, um überhaupt einen Entwurf zu erstellen. Bevor es los gehen kann, muss dieser Entwurf noch dem Kunden gezeigt werden. Und hier kann sich die Arbeit noch mal um mehrere Stunden in die Länge ziehen. Ist man einer Meinung, muss das Logo auch noch umgesetzt werden. Auch das kann noch mal mehrere Stunden dauern. So kann man für ein popeliges Logo um die 8 Stunden vergeuden. Das wäre bei einem Pauschalbetrag von 40€ weniger als der Mindestlohn. Kein Wunder, dass da die Motivation flöten geht.

“Aber es ist doch dein Hobby!” – Falsch. Mein Hobby ist es zu malen was ich mir vorstelle. Meine Gefühle oder Wünsche zum Ausdruck zu bringen. Mir sind ehrlich gesagt 8 Stunden Freizeit für Projekte wertvoller als unter dem Mindestlohn zu arbeiten. Vor allem kann man sich als Unternehmer mit solchen Aufträgen NICHT übers Wasser halten. Ende des Jahres erwartet das Finanzamt eine Steuererklärung, welche (wenn man es nicht selber kann) auch noch mal ca. 400€ kostet. Macht man diese nicht, macht man sich strafbar und kann Geld nachzahlen. Wohl möglich mehr, als man eigentlich verdient. Hinzu kommen noch diverse Betriebskosten (Strom, Miete, …) sowie ggf. verlorene Zeit für Studium, Projekte, Familie und Freunde (Betrifft nur Designer welche es nicht hauptberuflich machen).

Aber das ist noch nicht alles. Mehr als zwei Mal ist es mir nun vorgekommen, das gerade Kunden die wenig bereit sind zu zahlen, gar nicht zahlen. Und was macht man dann? Einen Anwalt für 40€ einschalten? Ne. Das alles ist nichts für mich. Und da wären wir am Nervenpunkt angelangt. Was bin ich bereit an Nerven in den Auftrag zu stecken? Was wenn der Kunde nachher nicht zahlt? Was wenn der Kunde ständig etwas abgeändert haben möchte?

Jede Änderung kostet Zeit und Nerven. Ich sitze 6-8 Stunden an einer Illustration. Bin überglücklich und stolz auf das Endergebnis und höre gleich darauf die erste Kritik. “Die Haltung gefällt mir nicht” und da platzt die Blase der Vorfreude. *Puff*. Endlose Stille… Und dann kommt die große Verschlimmbesserung. “Ne, jetzt gefällt mir der Kopf nicht mehr”. Die Augenlider beginnen zu zucken und man investiert weitere 2-4 Stunden um einen klitzekleinen Fehler auszubessern. (Das Ausbessern ist bei Illustrationen immer besonders spaßig, wenn man gefühlt 100 Ebenen hat, die alle irgendwie miteinander verzweigt sind). “Oh ja! Wundervoll. Aber was ist mit dem Schweif? Der sieht jetzt zum Rest so detaillos aus” … das ewige Leid eines Künstlers. Manchmal frage ich mich “Warum kann man es nicht so lassen und irgendwann neu machen?”, aber dann wäre man ja konstruktiver Kritik gegenüber nicht offen *Den Finger heb*.

Damals habe ich ein Bild nach dem anderen gemalt. Jedes Bild sah im Vergleich zum vorherigen besser bzw. detailreicher aus. Jedes Bild hat mich einmal bis zu 8 Stunden gekostet. Kurz danach konnte ich direkt das nächste Bild anfangen welches in meinem Kopf schwirrte. Doch nun? 8 Stunden Arbeit für ein Bild, 4-6 Stunden Umsetzung der Kritik, 3-14 Tage für ein bis mehrere Umfragen (Das auch ja jeder mit entscheiden kann!). Ich habe das Gefühl ich bewege mich nicht vom Fleck. Jedes Mal nach Kritik fragen, kostet mich eine Menge Nerven. Nerven die ich lieber in andere Dinge investiert hätte. Manchmal wünschte ich einfach nur, am laufenden Fließband arbeiten bzw. malen zu können, ohne mich an Details aufzuhängen. ABER das wird wohl ein Wunsch bleiben.

JA, man verbessert sich durch Kritik. Aber ob man sich wohl schneller verbessern würde, wenn man sich nicht ständig im Kreis bewegt oder zumindest auf alle anderen wartet? Wäre es nicht effektiver die Fortschritte zu genießen und Dinge ein ander Mal zu überarbeiten? Vielleicht.

Dieses Bild entstand 2012 vor rund 7 Jahren, als ich mit dem digitalen Malen angefangen habe:

Ganz ohne Kritik, durch den Ehrgeiz sich zu verbessern, entstand das folgende Bild nach nur ein bis zwei Jahren darauf:

Beinahe zeitgleich mit Equinepassion (2014)

Bis schließlich 2019…

Ich bin wahnsinnig stolz und glücklich über die Entwicklung meiner Arbeit und irgendwo hat das nachbauen dieser Boxen riesigen Spaß gemacht. Auch wenn es übertrieben viel Arbeit war. Jetzt etwas zu ändern, was das wesentliche (z.B. die Vergitterung dieser Boxen) verändert – würde im Prinzip genau so lange dauern, wie alles neu zu machen. Genau so habe ich mir eigentlich einen Stallgassenhintergrund vor 5 Jahren vorgestellt, nur dass es mir damals noch nicht möglich war, ihn so darzustellen. Ich bin mir sicher hier gibt es noch jede Menge Fehler zum Thema Perspektive, Schattierung, etc. aber wäre es nicht sinnvoller nach nur einer Runde alles beiseite zu legen und mit der Arbeit fortzusetzen?

Wie sonst habe ich es geschafft in einem Jahr (siehe oben) einen so gewaltigen Schritt zu machen und mehrere 100 Bilder zu malen von Pferden, von Hintergründen, Szenen, Objekten, Menschen, Zubehör, etc.

Und jetzt? 5 Jahre später habe ich eine Hand voll Pferde, Hintergründe und sonst nichts. Warum? Weil ich nicht einfach malen kann und fertig, sondern auf Wünsche und Verbesserungsvorschläge eingehen muss. Solange bis ich es wieder mehrere Wochen beiseite lege, weil es mir zu anstrengend wird (Es ist ja immerhin nicht mein Hauptberuf. Ich gehe studieren, habe Freunde und Familie und möchte ebenfalls nach einem harten Tag die Füße hochlegen können). Ich habe mir nie so darüber Gedanken gemacht, aber ich glaube hier wäre so ein Punkt, an dem man Kritik auch mal sein lassen müsste. An dem man sich vornimmt eine Abänderung zu machen und dann mit dem nächsten Punkt auf der Todo-Liste fortfährt.

Also hängt euch nicht an Fehlern auf. Bleibt am Ball, nur Übung macht den Meister.

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